Treibgut Flaschenpost

Joachim Römer

Einleitung zur Ausstellungseröffnung „mit dem strom und gegen die zeit – TREIB_GUT FLASCHENPOST“ – 16. Juni bis 4. September 2016 im Museum für Kommunikation Frankfurt

Lieber Helmut Gold, vielen Dank für die freundliche Einführung. Ich freue mich sehr, dass es geklappt hat und Joachim Römer seine Arbeiten hier präsentiert, und ich begrüße Sie, sehr geehrte Damen und Herren, auch sehr herzlich zu den drei fußballfreien Abendstunden. Ich werde Ihnen, Helmut Gold hat es schon angedeutet, auch etwas über die Arbeit des Künstlers erzählen, aber ich möchte für Sie auch einige Aspekte eines Flaschenpostpanoramas beleuchten, in dem Wissenschaft, Kunst und zutiefst menschliche Schicksale ihren Platz haben.

Ehe ich mich im Zusammenhang mit der Ausstellung von Joachim Römer mit dem Thema Flaschenpost befasst habe hatte ich, so schien mir jedenfalls, mit Flaschenposten gar nichts zu tun. Keine gefunden, keine verschickt. Als ich jetzt aber intensiver darüber nachdachte, fiel mir ein Urlaub an der Ostsee ein. Vor einigen Jahren war ich dort, im März. Es war kalt, aber mit einer Freundin spazierte ich jeden Tag von der polnischen Seite über die unsichtbare Grenze den Strand entlang nach Ahlbeck und zurück, und unterwegs sammelten wir ein, was uns wertvoll schien: Steine, Vogelfedern, Muscheln und bizarre Plastikteilchen. Bernstein fanden wir nicht. Auch keinen Hühnergott, wie die Lochsteine heißen, denen magische Schutzwirkung nachgesagt wird. Und eine geheimnisvolle Flaschenpost war auch nicht zwischen unseren Funden.

Aber wir lagen nur ganz knapp daneben, in gewisser Weise: am letzten Tag dieser Ferien waren wir in Zinnowitz auf der Insel Usedom in einem Geschäft, das zwischen allerlei Geschenken, Ansichtskarten  und Sachbüchern einige Krimis im Angebot hatte. Ich entschied mich, eher unerfahren mit sogenannten Thrillern, für „Das Alphabethaus“ von Jussi Adler Olsen. Neben diesem Erstlingswerk des dänischen Autors, das verspätet auf Deutsch erschienen war, stand sein Buch „Flaschenpost  von P“ im Regal – aber das nahm ich nicht.

Deshalb las auf der Rückfahrt ich dann auch nichts über den, Zitat, „Hilfeschrei im Inneren einer verwitterten Flaschenpost, die jahrelang unentdeckt geblieben war.“ Nichts darüber, dass die Botschaft in der Flasche, kaum entzifferbar, mit menschlichem Blut geschrieben, schließlich im Sonderdezernat für unaufgeklärte Fälle landete. Und noch weiß ich nicht, wie die Geschichte um dieses makabere Lebenszeichen zweier Jungen weiterging. Wenn ich es aber wissen will, muss ich nicht das Buch lesen, denn seit einer Woche läuft: Erlösung, Flaschenpost für P, im Kino.

Was ich heute schon weiß, ist, dass man grundsätzlich an der Ostsee ganz nah dran sein kann an Flaschenposten. Denn ebenfalls in 2016 erschien das Buch „Flaschenpostgeschichten, von Menschen, ihren Briefen und der Ostsee“. Der Autor, der diese Geschichten zusammengetragen hat, ist in Lettland einer Künstlerin begegnet, die Strandgut sammelt und daraus vor ihrem Haus Skulpturen errichtet, unter anderem aus Flaschenposten. Auf die Idee, den Schreibern zu antworten, ist sie nie gekommen, und so übernahm der Autor Oliver Lück diese Aufgabe.

Damit bin ich jetzt schon fast bei Joachim Römer, der ebenfalls allerlei Fundstücke sammelt und damit faszinierende Installationen macht; der auch Flaschenposten gefunden hat, sogar sehr viele, nicht am Meer, sondern am Fluss, und der den Schreibern der Botschaften in den Flaschenposten selbst antwortet. Doch ehe der Erzählstrom mich zum Rhein führt, noch eine letzte Geschichte zur Ostsee, aus der im März 2014 die damals älteste bekannte Flaschenpost geangelt wurde.

Dem Fischer Konrad Fischer ging in der Kieler Förder als Beifang eine Bierflasche ins Netz, die laut einer Postkarte im Flascheninneren 1913 abgeschickt worden war. Einige Zeit, nachdem ihr Fund für Schlagzeilen gesorgt hatte, ging diese Flaschenpost erneut durch die Presse: Der Fischer wollte sie, gegen den Willen der inzwischen von Ahnenforschern ermittelten Enkelin des Absenders, auf Ebay zu Geld machen. Bei 3 600 Euro wurde die Auktion aber von Ebay gestoppt. Es war bekannt geworden, dass die Flasche noch längere Zeit im Internationalen Maritimen Museum in Hamburg gezeigt werden sollte, also gar nicht sofort frei war für einen möglichen Käufer. Weil sich aber ein Förderer des Museums fand, der sie schließlich bei Konrad Fischer auslöste, steht sie immer noch dort, zur Freude der Enkelin und der Museumsbesucher.

Noch während zwischen Hamburg und Kiel verhandelt wurde, ging aber das Prädikat „Älteste Flaschenpost der Welt“ an eine andere: Am Strand von Amrum – und jetzt kommen wir zur Nordsee und damit dem Rhein schon etwas näher – fand ausgerechnet eine pensionierte Postbeamtin im Jahr 2015 die nun älteste Flaschenpost der Welt. Die Nordsee hatte die ebenfalls mehr als 100 Jahre alte Sendung, 108 Jahre und 138 Tage genau war sie im Meer unterwegs gewesen, angespült. Sie stamme von der Marine Biological Association (MBA) im südenglischen Plymouth, teilte eine Sprecherin von Guinness World Records der Presse mit.  Mit einer Postkarte war die Flasche im November 1906 vom Meeresforscher George Parker Bidder in die Nordsee geworfen worden. Die Finderin hatte das „Break the Bottle“! – öffne die Flasche, das deutlich auf der Nachricht stand, zunächst nicht befolgt, aber irgendwann siegte doch die Neugier. In Englisch, deutsch und holländisch war auf der Postkarte die Bitte formuliert, die Karte gegen eine Belohnung von einem Shilling an die MBA in Plymouth zu schicken – was Winkler schließlich auch tat. Als dort die Sendung an den vor mehr als 60 Jahren verstorbenen Forscher Bidder eintraf, war man zunächst etwas verwirrt, aber die Belohnung von einem Schilling, auf der Karte dem Finder versprochen, erhielt die Touristin doch: die MBA soll ihn, man hat sowas nicht in der Portokasse, bei Ebay erstanden haben.

George Parker Bidder, der Biologe, der die Flasche ins Meer hatte werfen lassen, hatte damals nach einer Lösung gesucht, die verschiedenen Strömungen in der Nordsee am Meeresboden und an der Oberfläche zu überprüfen. Dazu nutze er sogenannte bottom-trailers – Flaschen, die in Meeresbodennähe treiben konnten. Von 1904 bis 1906 ließ Bidder ungefähr 1 000 Flaschen ins Meer, um die Ost-West-Strömung in der Tiefsee der Nordsee zu beweisen.

Ein ähnliches Forschungsprojekt ist in Hamburg dokumentiert, wo im Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie 660 Briefe aus Flaschenposten aufbewahrt werden. Der Gelehrte Georg Ritter Balthasar von Neumayer, ab 1875 erster Direktor der Deutschen Seewarte in Hamburg, gilt als Erfinder der „Flaschenpost- und damit Strömungsforschung“. Das älteste Dokument der eindrucksvollen Sammlung wurde von Neumayer persönlich am 14. Juli 1864 bei Cap Horn von dem Segelschiff „Norfolk“ in einer verschlossenen Rumflasche über Bord geworfen. Nach drei Jahren, genauer am 9. Juni 1867 um 12:00 Uhr wurde das Treibgut von dem Arbeiter Michael O‘ Donohue an der australischen Küste bei Portland gefunden, wie die zurück geschickte blaue Pappkarte belegt. Die Flasche hatte rund 15 800 Kilometer zurückgelegt, bei einer Reisegeschwindigkeit von etwa acht Seemeilen pro Tag.

Ich weiß, dass Joachim Römer mit den Superlativen, die meist in den Schlagzeilen um Flaschenpostfunde eine Rolle spielen, nicht viel anfangen kann. Dabei könnte er mit seinen rund 1 800 Flaschen, die er in wenigen Jahren aus dem Rhein gefischt hat, längst mitmischen in dieser Liga, und würde man die Stunden zusammenzählen, die er dafür unterhalb der Hohenzollernbrücke, in Stammheim oder an anderen links- und rechtsrheinischen Ufern in Köln oder in der Nähe zugebracht hat, er könnte sicher auch da mit einer stattlichen Zahl aufwarten.

Er könnte Auskunft geben über die höchsten Hochwasser in der Zeit, über das meiste Schwemmholz, das dabei liegen blieb und darüber, ob das meiste Treibgut blau ist oder eher rot. Aber um Superlative geht es ihm nicht. Befragt nach dem weitesten Weg, den eine seiner Flaschen zurück gelegt hat oder nach der Botschaft, die ihm am tiefsten ans Herz geht, nach der rührseligsten Geschichte gar, wird er schweigsam und zieht sich auf die Tätigkeit des Chronisten zurück, dem alles gleich wertvoll ist. Jedes Fitzelchen, auch das, auf dem gar nichts mehr zu erkennen oder zu lesen ist, breitet er im Atelier sorgsam aus. Jedes Schreiben, jede Zeichnung, egal, wie sehnsuchtsvoll der Liebeswunsch oder das zum Ausdruck gebrachte tragische Schicksal, ist ihm so bedeutend wie das andere.

Darin gleicht die künstlerische Praxis Joachim Römers der eines Forschers, der objektive Befunde zusammenträgt: wenn er die Fundorte wie „rechtsrheinisch, Köln Flittard, rechtsrheinisch, Niederkassel-Mondorf, linksrheinisch, Köln Sürth, linksrheinisch, zwischen Zoobrücke und Mülheimer Brücke notiert. Er schreckt – als Ex-Kölnerin zucke ich da innerlich ein wenig zusammen – auch nicht davor zurück, in Düsseldorf zu sammeln: Zwischen Hafen Düsseldorf Reissholz und Düsseldorf Himmelgeist liegt ebenfalls eine Fundstelle, auch dort hat er eine Flasche gefunden, hat sie mitgenommen, gesäubert, erfasst mit Datum sowie dem Inhalt der Botschaft, Vorder- und Rückseite. Und wenn eine Adresse angegeben war mit dem Wunsch nach Antwort, dann hat er den Absender angerufen oder ihm geschrieben.

Diese Botschaften, mögen sie auch nicht mit Blut geschrieben sein, wie die im eingangs erwähnten Buch, und auch nicht vor 100 Jahren abgeschickt wie die Flaschenpost von Amrum – diese Botschaften haben es auch ohne Superlativ in sich – im Einzelnen können Sie das in der Ausstellung erkunden. So ist Joachim Römer eine Art Forscher in Sachen Seelenlage der Absender, der sich als nicht ganz zufälliger Empfänger zur Verfügung stellt. Er weiß: wenn jemand zur Flaschenpost greift, dann geht es oft ans Eingemachte. In einer Chronik seiner Funde hat er den jeweiligen Flaschen Titel verliehen, und hat sie, auch darin dem Forscher gleich, typisiert und klassifiziert. Nicht danach, ob es sich um eine Glas- oder Plastikflasche handelt, hat er sie gruppiert. Nicht danach, ob sie bauchig ist oder schlank oder auch nur ein angeschwemmter Zettel, ob sie Jahre unterwegs war oder viele Kilometer auf dem Buckel hat, ob er sie bei Rheinkilometer 645 in Königswinter gefunden hat oder bei Rheinkilometer 690 an der Zoobrücke mitten in Köln.

Er hat Gruppen erstellt, die heißten „Glück, Treue und Bunga-bunga“. Neben „Sehnsüchtig auf Hilfe warten“ gibt es die Abteilung „Melodien, aus Wasser geformt“ und „Bis jetzt gibt es dich nur auf dem Papier“. Und schließlich ist da: „Es ist alles vorbei“. Die Titel der Flaschen, – und da mögen Sie jetzt selbst überlegen, welcher Gruppe Sie diese zuordnen würden, lauten beispielsweise:

 

„Ich haben keinen Freunt“;

„Hilfe, die Piraten sind schon da!“

„Himmelskönigin“

„Leise Sehnsucht“

„Endloser Herzschlag“

„Verflucht“

„Lieder der Ewigkeit“

„Das nötige Kleingeld“

Und „Schicksalsschläge“ oder

Hangen und bangen in schwebender Pein, Fund vom Mai 2014, Nummer 28

 

Man kann sich leicht vorstellen, dass da auch stehen könnte:

 

„Mehr Einsamkeit als irgendwer aushalten kann.“

„Rettet mich, bevor ich endgültig verzweifle.“

„Ich werde ein SOS-Signal an die Welt senden“

„Ich hoffe, jemand bekommt meine Flaschenpost“.

 

Vielleicht hat es jemand bemerkt: das war die Übersetzung eines Hits aus dem Jahr 1979, von der Zeitschrift Rolling Stone gelistet als Nummer 65 unter den 100 größten Gitarrensongs aller Zeiten: Message in a bottle von der Gruppe Police. „I send an SOS tot he world“.

Nicht zu verwechseln mit dem Film „Message in a Bottle“. Das Filmdrama von 1999 ist ein, Zitat, „Gepflegt inszeniertes, solide gespieltes Melodram, das dem Versuch zweier Menschen, den Verlust eines Partners zu verarbeiten, eine sich spirituell entwickelnde Liebe entgegensetzt, die ohne falsche Sentimentalität anrührt.“

Ohne falsche Sentimentalität – so könnte man auch den Umgang Joachim Römers mit seinen Objekten charakterisieren. Obwohl, wie er selbst zugibt, auch ein Romantiker ─  und das muss wohl so sein, wenn man ständig die Nähe des Rheins unterwegs ist – gelingt es ihm, seiner Sammlung das Pathos zu nehmen und ihr gleichzeitig in den Präsentationen im Museum eine neue ästhetische Qualität zu verleihen.

Will man ihn und seine Arbeit einer Kunstform zuordnen, dann bietet sich beispielsweise die Spurensicherung an, der sich unter anderem Römers Kölner Landsmann Wolfgang Niedecken zugehörig fühlt. Der studierte Künstler, besser bekannt als Sänger der Gruppe Bap, äußerte sich anlässlich einer Ausstellung so: „Ich verstehe meine Kunst als eine Spurensicherung, bei der ich Eindrücke und aufgespürte Fundstücke auch aus anderen Ländern festhalte“. Daraus habe sich eine Sammelleidenschaft entwickelt, deren Resultate er im Atelier bearbeite.“

Kein Zufall vielleicht, dass auch Niedecken eine Arbeit geschaffen hat, die er „Flaschenpost“ nennt: Briefe, in Flaschen konserviert, die ihm Fans 1984 kistenweise aus der DDR schickten.

Und vielleicht auch kein Zufall, dass Joachim Römers Flaschenposten aus dem Rhein und Wolfgang Niedeckens bunte Stöcke aus dem Rhein im letzten Jahr zusammen in einer Ausstellung über das Sammeln zu sehen waren.

Das Sammeln hat wie das Speichern und Archivieren in der Gegenwartskunst Konjunktur, und wenn man mit Joachim Römer am Rhein unterwegs war weiß man: Es bräuchte noch viele Künstler wie ihn, wollten all die Flaschen, die aufgeweichten Tennisbälle, die Schlappen und das angeschwemmte Anglerzubehör eingesammelt werden. Dort zeigt sich ein materieller Notstand, der heißt nicht Mangel, sondern Überfluss, und vielleicht gibt es auch einen emotionalen und mentalen Notstand, der sich manchmal als Botschaft in den Flaschenposten findet.